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Tilo Cramm: MinisterStein/ Fürst Hardenberg

  
Tilo Cramm: Minister Stein/Fürst Hardenberg, die Geschichte des letzten Dortmunder Bergwerks Teil II 1918-1987, Essen 1993, S. 11ff.
      
Am 11. Januar 1923 marschierte als Folge nicht vollständig erfüllter Reparationsleistungen eine etwa 60 000 Mann starke französische und belgische Streitmacht von Düsseldorf und Duisburg aus in das Ruhrgebiet ein. Am 16. Januar 1923 wurde Dortmund als östlichste Stadt des Ruhrgebietes besetzt. Die Truppen sollten die Interalliierte Kontrollkommission für Fabriken und Bergwerke (Mission Interalliée de Contrôle des Usines et de Mines = MICUM) schützen. Die MICUM bestand aus französischen, belgischen und italienischen Ingenieuren, die für die Durchführung der Reparationslieferungen sorgen sollten. Von der Besetzung waren 93 % der Kohlenproduktion des Ruhrreviers betroffen.
      
Hans Spethmann: Zwölf Jahre Ruhrbergbau Bd. 4 (Zeichnung Heinrich Wilms)
     
In Erwartung der drohenden Besetzung hatte eine außerordentliche Generalversammlung des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats unter Leitung von Emil Kirdorf bereits am 9. Januar 1923 für den folgenden Tag die Verlegung des Syndikats in das Kirdorfhaus nach Hamburg beschlossen. Die Flucht hat den späteren passiven Widerstand erleichtert, da sich die Besetzer im komplizierten Geflecht der Kohlenverteilung nicht zurechtfanden.
Die deutsche Regierung erklärte die Besetzung für illegal, stellte die Reparationslieferungen ganz ein und rief am 13. Januar Verwaltungen, Reichspost und Reichsbahn sowie Unternehmer und Arbeiter des besetzten Gebiets zum passiven Widerstand auf. Parteien und Gewerkschaften schlossen sich mit eigenen Aufrufen an. Der passive Widerstand einte anfangs alle Schichten der Bevölkerung wie seit 1914 nicht mehr.

Kohlenförderung und Koksproduktion wurden stark gedrosselt. Kohlen- und Koksbestände beispielsweise durch Schlamm und Berge unbrauchbar gemacht. Die Arbeiter führten vorwiegend „unproduktive“ Arbeiten aus, die Eisenbahner legten Bahnanlagen lahm.

Neben dem passiven Widerstand gab es den illegalen, aktiven Widerstand kleiner Gruppen, die Kanäle, Brücken und Eisenbahnlinien sprengten. Einer dieser Widerstandskämpfer war Albert Leo Schlageter, der verraten, von den Franzosen hingerichtet und später von den Nationalsozialisten heroisiert wurde.

Die Franzosen beantworteten den Widerstand mit Verhaftungen, besonders von Zechendirektoren, Polizisten und kommunalen Amtsleitern, mit Ausweisungen in das unbesetzte Deutschland, aber auch mit Vergeltungsaktionen und Kriegsgerichtsverfahren mit Todesurteilen. Fast 200 000 Menschen wurden abgeschoben, über 100 starben bei Willkür- und Vergeltungsaktionen, etwa zehn Personen wurden zum Tode verurteilt. 174 Verordnungen sollten das öffentliche Leben reglementieren.

In der sogenannten „Dortmunder Bartholomäusnacht“ erschossen die Franzosen am 10. Juni 1923 willkürlich sechs deutsche und einen Schweizer Staatsbürger. Zur Mahnung wurde vor der Kinderklinik in der Beurhausstraße im Pflaster ein Denkmal angelegt, das jedoch 1990 beseitigt wurde.
Eine Zeche nach der anderen wurde von den Franzosen eingenommen. Nach Ausweisung der Zechenbeamten betrieb die MICUM einige Anlagen sogar selbst. Viele der auf den Zechen arbeitenden Polen wanderten nach Frankreich aus. In Dortmund musste die Spedition Hemsoth ihren Abtransport auf Reichskosten übernehmen. Etliche kamen jedoch bald wieder zurück.
Ein großer Teil der Löhne und Gehälter wurde von der Reichsregierung als „Ruhrhilfe“ gezahlt, da die Zechen kaum Einnahmen hatten. Die Lohngelder mussten geschmuggelt werden.
Wegen der Kohlenknappheit grub die Dortmunder Bevölkerung aus Schlammteichen der Zeche Dorstfeld in der Hallerey Kohlenschlamm ab und gewann Kohlen in Stollen nördlich der Bolmke. Die Menschen begannen sogar, Wälder abzuholzen, bis die Polizei dagegen einschritt.
Die Ruhrbesetzung stellte für die Reichsregierung eine kaum tragbare finanzielle Belastung dar. Die Arbeitslosigkeit nahm zu, die Druckpressen kamen mit der Geldentwertung nicht mehr mit, die Lebensmittelpreise wuchsen ebenso in das Astronomische. Reichskanzler Stresemann war daher gezwungen, am 26. September 1923 die Aufgabe des passiven Widerstandes bekanntzugeben. Am 3. Oktober wurde auch die Ruhrhilfe eingestellt. Am 23. November unterzeichneten die Bergbauunternehmer das MICUM-Abkommen, am 5. Dezember 1923 auch die GBAG. Künftig mussten unter anderem 18-20% der Förderung kostenlos an Frankreich und Belgien abgegeben werden. Das Kohlensyndikat kehrte am 3. Dezember 1923 nach Essen zurück. Erst ab 30. August 1924 wurden die MICUM-Verträge nah dem Londoner Abkommen hinfällig; das Reich übernahm wieder die Bezahlung der Reparationskohlen.

Am 15. November 1923 wurde als Zwischenwährung die Rentenmark eingeführt – ab 1924 durch die Reichsmark ersetzt. Deutschland war wieder kreditwürdig geworden. Allerdings hatte auf diese Weise der Staat alle seine Schulden abstoßen können und besonders dadurch beim Mittelstand große Erbitterung hervorgerufen.
In Frankreich war die politische Meinung umgeschlagen, die Regierung hatte gewechselt. Nach den Dawes-Abkommen räumten die Besetzer am 22. Oktober 1924 Dortmund und Umgebung, am 31. Juli 1925 das übrige besetzte Gebiet und am 25. August 1925 auch die am 21. März 1921 besetzten Sanktionsgebiete Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort.
Durch den passiven Widerstand war 1923 die Kohlenförderung des Ruhrgebietes gegenüber dem Vorjahr um 57,2% zurückgegangen.

© Helmut Kaufung 2020
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