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Die Zechenkolonie Klein-Berlin

      
Nach Erfassung durch das Oberbergamt von 1893 wohnten 39 Bergleute der Zeche in „Colonien“. Eine Kolonie war „Klein Berlin“, 700 m nördlich der Kruckeler Straße nahe dem Grotenbach und der Eisenbahn. Die Siedlung war damals über zwei Feldwege zu erreichen, die beiderseits des Hofes Deilmann/Rusche von der Kruckeler Straße nach Norden abzweigten. Nach dem Bau der Sauerlandlinie besteht noch der östliche Abzweig neben der A-45-Brücke (siehe Abb. 1).
     Abb. 41: Lage der Zechenkolonie „Klein Berlin“
(Ausschnitt aus Messtischblatt 1892)
      
Nachdem die Zeche Wiendahlsbank 1858 mit der Kohlenförderung begonnen hatte, gab es bald Beschwerden der Kruckeler Bauern wegen Wasserentziehung durch die Schachtpumpen, die aber den Tiefbau erst möglich gemacht hatten. So wurde wohl aus diesem Grund der Deilmannhof, der 1839 bereits an einen Rusche übergegangen war und dessen Felder größtenteils nördlich der Kruckeler Straße lagen, von der Zeche aufgekauft.

Die Nähe zur Zeche bot sich zur Anlage einer „Colonie“ für aus Westfalen oder Hessen zugewanderte Bergleute an. In den 1890er Jahren entstanden sechs mit Ziegelsteinen erbaute Doppelwohnhäuser, die zwölf Bergmannsfamilien Unterkunft und Garten boten. Wegen der bachnahen Lage hatten die Häuser zwar keinen Keller, waren aber an elektrischen Strom und an die Wasserver- und entsorgung angeschlossen. Wegen der damals geringen Löhne lebten die hier angesiedelten Bergleute weitgehend von den Erzeugnissen ihrer Gärten und vom Kleinvieh.

Die kinderreiche Siedlung wurde im Volksmund „Klein Berlin“ genannt und sollte wohl an das damalige Hinterhof-Berlin des Malers Zille erinnern. Als 1924 die Zeche schloss, blieb „Klein Berlin“ eine auch von Nichtbergleuten bewohnte Arbeitersiedlung. Als 1971 die Strecke DO-West bis DO-Süd der Sauerlandlinie gebaut werden sollte, erhielten die Mieter die Kündigung. In der letzten Zeit bis zum Abriss der Häuser wohnten noch Roma in den verlassenen Häusern. Heute findet man noch Grundmauern im Gehölz.

Hans Tibbe hat seine persönlichen Erinnerungen an die Siedlung aus den 1960er Jahren aufgeschrieben:

Westlich der alten Kruckeler Schule (heute Kita) führte ein Feldweg nach Norden in Richtung des Grotenbachs, der Wiendahlsbankstraße hieß. Ein Bäcker und der Milchmann versorgten die Siedlungsbewohner. Der Milchmann regte sich immer über den schlechten Weg auf und sagte: Wenn ich hier ankomme, ist aus der Milch Butter geworden.

Weitere Einkäufe mussten in Hombruch oder Annen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Bahn besorgt werden. Die hier wohnenden Bergmannsfamilien pflegten eine gute Nachbarschaft, die auch mehrere Ehen untereinander stiftete. Für uns Kinder gab es in den Gärten genug zu naschen und in der Wiese zur „Emscher“, wie wir den Grotenbach nannten, gab es einige Obstbäume. Hatten wir aber einmal zwei Groschen gesammelt oder durch „harte Arbeit“ zu Hause erworben, liefen wir über die Felder zum Bahnhof Kruckel, dort gab es in der Bahnhofsgaststätte für zwanzig Pfennig ein Stück  mit Schokolade überzogenen Puffreis.

Die „harte Arbeit“ bestand im Sammeln von Löwenzahn für die zahlreichen Kaninchen in den Ställen. Am Ende des Sommers wurde dann beim Kartoffelaufsammeln beim Bauern wieder etwas Geld verdient. Pro Stunde gab es zwanzig Pfennig und einen Korb voll Kartoffeln für zu Hause. Wenn wir beim Bauern noch beim Abladen helfen durften, gab es ein Schinkenbrot. Das war traumhaft, weil zu Hause meistens nur Rübenkraut auf`s Brot kam. Wenn es im Sommer ganz heiß war, liefen wir zur Abkühlung zum Freibad Froschloch.  

Abb. 42: Siedlungen der Zeche gab es in den 1920er Jahren nur westlich von ihr und mit „Klein Berlin“. Gelbe Flächen waren im Eigentum der Zeche.
(Vereinigte Stahlwerke, Schachtbeschreibung)
     Abb. 43: Von „Klein Berlin“ zur Zeche und zum Bahnhof Kruckel führende  „Schleichwege“ waren in den 1960er Jahren  noch sichtbar.
(metropoleruhr)
     Abb. 44: „Klein Berlin“ vergrößert dargestellt. Am linken Bildrand ist eine Kläranlage sichtbar.
(metropoleruhr)
     Abb. 45: Kolonie „Klein Berlin“ von Süden in den 1930er Jahren
(Hans Tibbe)
    
© Helmut Kaufung 2018
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